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06 März 2019

Kryptoanlagen – die alte Welt mit der neuen verbinden

Yara Ainsworth

Yara Ainsworth

Head of Marketing und Communications bei Crypto Finance AG

Über den Autor

Mitte 2018 hat die erste Schweizer Krypto-Firma eine FINMA-Bewilligung erhalten. Als Vermögensverwalterin von kollektiven Kapitalanlagen darf die Zürcher Crypto Fund AG über ihre Fonds den Einstieg in den Kryptohandel anbieten. Im Interview spricht Bernadette Leuzinger, COO des Fintech-Startups, über die Chancen der alternativen Anlagen, die Zukunft des digitalen Geldes und kontert die Blockchain-Kritiker.

Frau Leuzinger, wie kann eine Privatperson in Ihre Krypto-Fondsprodukte investieren?
Als qualifizierter Anleger können Sie da seit längerem investieren. Das geht ganz einfach wie bei traditionellen Fondsprodukten über eine Zeichnung bei Ihrer Hausbank.

Das heisst, ich müsste über mindestens zwei Millionen Franken verfügen, um Anteile erwerben zu können. 
Ja, entweder haben Sie zwei Millionen Vermögen oder 500 000 Franken mit der schriftlichen Bestätigung, dass Sie über Kenntnisse im Finanzsektor verfügen, die notwendig sind, um die Risiken der Anlagen zu verstehen.

Wie steht es mit dem direkten Einstieg über Ihre Crypto Fund AG?
Unser Ansatz ist ganz klar, die «alte» Welt mit der «neuen» Welt zu verbinden. Der Vorgang ist ganz klassisch: Sie zeichnen den Fonds über Ihre Bank, der Titel wird ins Depot eingelagert.

Nachdem Sie als erste Krypto-Firma eine FINMA Bewilligung als Vermögensverwalterin erhalten haben – welche weitere Zulassung zum Finanzmarkt streben Sie an? Vielleicht eine Banklizenz?
Für uns als Vermögensverwalterin reicht die FINMA Lizenz, damit wir die Fondsprodukte verwalten können. Unsere Schwestergesellschaft, die Crypto Broker AG, strebt als nächsten Schritt die Effektenhändlerbewilligung an. Ob wir später eine Banklizenz beantragen wollen, hängt von der weiteren Regulierungsentwicklung ab.

Und wie stehen Sie zu einer Fintech-Bewilligung der FINMA, die im Rahmen der revidierten Bankenverordnung seit Anfang Jahr beantragt werden kann?
Die Fintech-Bewilligung ist für das ganze Ökosystem eine super Sache. Gemäss dieser Neuregelung ist zwar das Entgegennehmen von Publikumseinlagen zugelassen, wir dürften sie aber weder verzinsen noch anlegen. Für uns steht das nicht im Vordergrund, weil sich unsere Expertise im Moment auf das Anlegen in Kryptoanlagen konzentriert.

Mit einer Banklizenz oder Fintech-Bewilligung hätten Sie die Möglichkeit, bei der SNB den Zugang zum SIC-System zu beantragen. Wäre ein eigenes SNB-Girokonto nicht eine Überlegung wert?
Wir haben schon mit dem Gedanken gespielt. Dafür braucht es ein gewisses Volumen im Zahlungsverkehr, damit sich der operative Aufwand lohnt. Die Frage, ob es sich für uns lohnt oder nicht, hängt von der zukünftigen Geschäftsentwicklung ab.

Da Ihr Unternehmen seit letztem Herbst als regulierter Schweizer Fondsmanager weltweit anerkannt ist – sehen Sie sich international in der Pole-Position für Kryptoanlagen?
Definitiv (lächelt breit). Europaweit sind wir eine der wenigen Firmen mit diesem spezialisierten Know-how, die eine Regulierungsstufe dieser Art erreichen konnten.

Und wenn Sie über den Teich nach Amerika oder Asien schauen?
Die USA lassen wir aussen vor. Das Problem ist, dass Europäer meistens nicht in amerikanische Vehikel investieren können, und umgekehrt können von Amerika aus keine Anteile unserer Fonds erworben werden. Aber Asien ist schon ein interessanter Markt, weil der Schweizer Brand dort immer noch für Qualität und Zuverlässigkeit steht.

Wo in Asien?
Singapur vor allem ist sehr aktiv, wo der Regulator fast so fortschrittlich ist wie in der Schweiz, was die Blockchain- und Krypto-Technologie betrifft. Dort wie hier stehen wir in einem regen Kontakt zu den Regulierungsbehörden.

Der Bundesrat will, dass die Schweiz eine Vorreiterrolle für Kryptoanlagen einnimmt. Andererseits muss gemäss Bundesbank jeder Versuch, die Kryptowährungen zu regulieren, auf globaler Ebene erfolgen, um wirksam zu sein. Wie stehen Sie zu diesem Dilemma?
Da Technologie keine Landesgrenzen kennt, ist die unterschiedliche Entwicklung auf nationaler und internationaler Ebene tatsächlich schwierig. Entscheidend ist zumindest heute der nationale oder lokale Aspekt, weil es eine internationale Regulierung nicht gibt. Es gibt jedoch Arbeitsgruppen, Standards und Empfehlungen. Wir sind zwar auch international tätig, aber den Sitz haben wir in der Schweiz und richten uns nach dem hiesigen Recht. Die Schweizer Behörden haben ein gutes Fundament geschaffen und es wäre wünschenswert, sie würden das auch in allen möglichen internationalen Organisationen aktiv fördern. Wir unterstützen solche Bemühungen mit unserer Expertise und stehen ein für eine Regulierung in der bestehenden Gesetzeslandschaft, ohne dass der nötige Freiraum eingeschränkt wird. Da sind wir gerade in der Schweiz auf einem guten Weg.

Ihr Fondsprodukt basiert auf dem von SIX berechneten und von Ihnen verwalteten Crypto Market Index 10, der die zehn grössten und liquidesten Kryptowährungen misst. Der Index liegt heute wieder etwa auf dem Stand vom Herbst 2017, nachdem er bis Januar 2018 um das Vierfache in die Höhe geschossen war. Sehen Sie jetzt eine günstige Einstiegsgelegenheit?
Ich finde es lustig, dass viele die heutige Situation mit der vor einem Jahr vergleichen. Wenn wir die Historie über eine längere Zeit anschauen, sieht man immer noch einen Aufwärtstrend. Einmal sind wir über, dann wieder unter dem Trend. Der Markt ist zwar volatiler als traditionelle Aktienmärkte, dafür aber spannender. Er ist vielversprechend für die Zukunft, vor allem auch mit Blick auf die digitale Börse von SIX, die gerade entsteht und wo Blockchain-Aktien gehandelt werden sollen. Es muss jedem bewusst sein, dass wir es mit risikobehafteten Assets zu tun haben und nur ein verhältnismässig kleines Vermögen investiert werden sollte, aber der Zeitpunkt zum Einsteigen ist sicher nicht schlecht.

In Ihren Regeln des Index steht, dass der Handel bei einem deutlichen Umsatzrückgang sistiert werden kann. Was heisst das?
Wir lehnen uns hier an die Gepflogenheiten traditioneller Märkte an, wo es gang und gäbe ist, dass der Handel automatisch für einige Minuten aussetzt, wenn es zum Beispiel starke Abwärtsbewegungen gibt. In unserem Fall wird der Index nur während des Tages von SIX berechnet, Krypto-Assets dagegen rund um die Uhr. Das heisst, es liegt an uns, im Falle eines Falles einzugreifen, damit die Teilnehmer im Index bei Marktverzerrungen nicht benachteiligt werden.

Im Januar 2019 wurde der Handel mit der Kryptowährung Ethereum Classic eingestellt, weil sie Opfer einer Manipulation geworden war. Welchen Einfluss hätte das Ende einer der zehn Index-Währungen auf den Fonds?
Einen Monat vorher haben wir Ethereum Classic wegen unseren Liquiditätsanforderungen bereits aus dem Index genommen. Der Index verlangt nicht, dass dort immer zehn Währungen vorhanden sein müssen. Im Moment sind es sieben. Wichtig ist, dass die Währungen den objektiven Anforderungen genügen. Zum Beispiel, dass sie an mehreren Börsen gehandelt werden und liquide sind. Im Übrigen wurde der Handel mit Ethereum Classic nicht überall eingestellt und die Währung hat nicht aufgehört zu existieren.

Institutionelle Investoren gehören zu den wichtigsten Kapitalmarktteilnehmern. Welche Entwicklung wird Ihrer Meinung nach die Kryptobranche nehmen müssen, damit beispielsweise auch die AHV Ihre Kundin wird?
Aus rein objektiver Sicht wäre das heute schon möglich. Stichwort Diversifikation: Da sie nahezu unkorreliert sind zu traditionellen Anlagen, eignen sie sich als alternative Assets in gängigen Portfolios. Eine Investition in die Zukunft. Klar ist aber auch, dass das Vertrauen in die neuen Anlagevehikel im Kryptobereich noch gestärkt werden muss. Durch starke Partner wie SIX erhoffen wir, dass grössere Finanzinstitute auf den Zug springen.

Apropos Vertrauen. Das ist nicht überall gross. Blockchain sei die nutzloseste und am meisten überbewertete Technologie aller Zeiten, meinte kürzlich Nouriel Roubini, ein bekannter US-Nationalökonom, der die Finanzkrise und die darauffolgende Rezession vor zehn Jahren kommen sah. Was entgegnen Sie den Kritikern?
Es gibt beide Seiten: die, die Blockchain super toll finden, und andere, die der gegenteiligen Meinung sind. Die neue Technologie hat auf jeden Fall viel Potenzial. Es ist das erste Mal, dass wir Werte direkt austauschen können ohne einen Intermediär, ohne dass jemand die Werte kopieren, verfälschen oder stehlen kann. Im Übrigen kommen die meisten kritischen Stimmen aus der westlichen Welt, wo wir in der Regel gut funktionierende, stabile Systeme haben, die in gewisser Weise eine Zukunftsgarantie bieten, weil wir den Institutionen, die hinter den Systemen stehen, vertrauen. In anderen Ländern ist das nicht der Fall, vor allem dort, wo viel Korruption oder eine horrende Inflation herrscht. Gerade in diesen Ländern ist Blockchain sehr spannend für die Bevölkerung.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat kürzlich in einer Umfrage unter Zentralbanken herausgefunden, dass zwei Institute bald schon Zentralbankgeld digital in der Breite zugänglich machen wollen, z.B. in Schweden. Was halten Sie davon?
Extrem spannend. Für das Vertrauen, für die Digitalisierung an sich, und ich denke, gerade auch für den täglichen Zahlungsverkehr. Es kommt aber vor allem auf die Ausgestaltung an. Schliesslich wird in Schweden jetzt schon vieles digital bezahlt, d.h., die Bargeldquote geht steil nach unten. Für den Konsumenten ist es wohl kein grosser Unterschied, ob er digital mit oder ohne Blockchain zahlt. Je mehr digitales Geld im Umlauf ist, umso vertrauter werden die Benutzer mit neuen Technologien.

In welchem Bereich des Zahlungsverkehrs können Sie sich vorstellen, dass die Blockchain-Technologie sich durchsetzt?
Ich denke, sie wird sicher in der Abwicklung eine grosse Rolle spielen, bei allen Backoffice-Prozessen nach der Zahlungsauslösung. Zum Beispiel bei den Kartenzahlungen oder bei der Abwicklung von Kundenüberweisungen zwischen den Banken.

Üblicherweise werden Überweisungen, in der Schweiz mit dem SIC-System, in Echtzeit abgewickelt. Bei einer Blockchain-basierten Technologie dauert die Validierung einer Zahlung bis zu einer Stunde.
Dies gilt für Geldüberweisungen. Bei Wertschriften sieht die Sache schon wieder anders aus. Dort ist eine Transaktion über die Blockchain schneller abgewickelt als über das Bankensystem. Es gibt aber auch andere Arten von Blockchains, die weniger offen, also weniger dezentral funktionieren und deshalb Transaktionen schneller abwickeln können. Es wird aktiv daran geforscht, wie eine solche Blockchain-Plattform für Interbank-Zahlungen ausgestaltet werden kann.

Und wie steht es mit der Skalierbarkeit? Visa allein verarbeitet im Kartengeschäft über 1700 Transaktionen pro Sekunde. Wie tauglich ist Blockchain zurzeit für ein Massenzahlungssystem?
Auch hier kommt es wieder darauf an, was für eine Blockchain man betrachtet. Zum Beispiel bei der Bitcoin-Blockchain stehen Dezentralität und Zensurresistenz im Vordergrund. Dort gibt es bereits heute Protokolle wie das Lightning-Netzwerk, das als zweite Ebene auf Bitcoin aufbaut und viel mehr Transaktionen pro Sekunde abwickeln kann. Dann gibt es andere Blockchains, die weniger dezentral sind, zum Beispiel zwischen Banken, die dadurch eine viel höhere Durchsatzrate erreichen können. Man muss sich für jede Anwendung überlegen, was die Ausgangslage und was das Ziel sowie die anzustrebenden Prämissen dahinter sind. Es gibt keine Universallösung.

Quelle:
Interview: Gabriel Juri und Karin Pache, SIX
Clearit SIX Magazine and SIX Blog

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