deen

25 Mai 2020

Finanz und Wirtschaft: Der grosse Prüfstand für die Finanzrevolution

Yara Ainsworth

Yara Ainsworth

Head of Marketing und Communications bei Crypto Finance AG

Über den Autor

Quelle: Finanz und Wirtschaft | Autor: Pascal Meisser

Der grosse Prüfstand für die Finanzrevolution

Nach perfektem Jahrzehnt die erste Krise für die Fintech-Branche: Wer gewinnt und wer verliert.

Ein abruptes Ende der Party: Das üppig fliessende Risikokapital ist ins Stocken geraten. Das Herunterfahren der Wirtschaft ist auch an den Startups aus der Finanztechnologiebranche nicht spurlos vorübergegangen. Die zuvor boomende Fintech-Landschaft steht auf dem Prüfstand. Dabei könnte es erstmals seit der Finanzkrise zu einer deutlichen Zäsur kommen. «Wir werden Gewinner und Verlierer sehen», sagt Fintech-Experte Nils Reimelt vom Beratungsunternehmen Capco. Einige Jungunternehmen werden vom wachsenden Bedarf an digitalen Lösungen im Bankenbereich profitieren, anderen wiederum dürfte in den kommenden Monaten das Geld ausgehen. Besonders gefährdet sind dabei Startups, die sich mit Blockchain-Technologien beschäftigen. Viele dürften Mühe haben, weiteres Risikokapital anzuziehen, da die Marktreife für ihre Produkte noch in weiter Ferne liege, sagt Krypto-Unternehmer Marc P. Bernegger. Bitcoin gehört noch immer zu den wenigen konkreten Anwendungsfällen. Die Kryptowährung hat es aber aus verschiedenen Gründen noch nicht geschafft, sich als Krisenwährung zu etablieren.

Haltestelle Coronakrise. Damit hat die Finanztechnologiebranche – kurz Fintech – auf der Überholspur nach oben nicht gerechnet. Zehn Jahre lang herrschte für die weltweit zu Tausenden entstehenden Jungunternehmen eitel Sonnenschein. Sie wollten in erster Linie Wachstum, die Profitabilität war zweitrangig. Ihr Ziel: die Banken und Finanzwelt aufzumischen und neu zu denken. Auch in der Schweiz ist die Zahl der Fintech-Startups rasant gestiegen. Seit 2016 hat sich ihre Zahl auf der von Swisscom erhobenen Swiss Fintech Map mehr als verdoppelt (vgl. Grafik 1).

Doch nun steht die Fintech-Welt vor der grössten Zäsur ihrer jungen Geschichte: «Es zeichnet sich eine klare Polarisierung ab. Wir werden Gewinner und Verlierer sehen», sagt Fintech-Experte Nils Reimelt vom Berater Capco. Er sieht diejenigen Startups an der Spitze, die gerade in der heutigen Zeit dringend benötigte digitale Lösungen anbieten. «Wer im Bereich digitale Signaturen und Kundenidentifikationsprozesse tätig ist, profitiert massiv.» Ebenfalls stark profitiert haben etwa die digitalen Vermögensverwalter, die Robo Advisors.

Von massiv zunehmendem Interesse spricht auch die Geldmarktplattform Instimatch Global, die im März mit dem Swiss FinTech Award des Finanz und Wirtschaft Forum ausgezeichnet wurde. «Es hat sich bestätigt, dass unser Geschäftsmodell auch im Krisenfall funktioniert», sagt CEO Daniel Sandmeier.

Zu den Verlierern gehört hingegen die Gruppe von Blockchain-Jungunternehmen. Sie leiden am meisten unter den geänderten Rahmenbedingungen. Wurde vorher fast wahllos Risikokapital in Startups investiert, werden die Gelder heute viel zielgerichteter verwendet. Auch in Gefahr geraten könnten Challenger-Banken. «Sie trifft es, wenn Kunden wegen der Krise ihre Ausgaben zurückfahren», sagt der Schweizer Krypto- und Fintech-Unternehmer Marc P. Bernegger.

Teils blind investiert

Bislang herrschte im Fintech-Segment Eldorado-Stimmung. Geldgeber wollten dabei sein und investierten teils blind in Jungunternehmen. Mit der Krise ist aber die Risikoaversion grösser geworden, wie Zahlen des Analysehauses CB Insight zeigen (vgl. Grafik 2). Im ersten Quartal 2020 wurden 6 Mrd. $ Risikokapital in Fintechs investiert, so wenig wie zuletzt vor drei Jahren. «Investoren haben weiterhin viel Feuerkraft. Sie überlegen aber nun anders, wo sie ihr Geld allozieren», sagt Bernegger. Ausgerechnet diejenige Branche, die dank der letzten grossen Wirtschaftskrise entstanden ist, muss um die eigene Existenz fürchten.

 

Nach der globalen Finanzkrise 2008 sind vielerorts Fintech-Unternehmen entstanden, die das Banking kundenfreundlicher, transparenter und günstiger machen wollten – wie die Challenger-Banken Revolut und N26, wie der Geldtransferdienst Transferwise, wie die Robo Advisors Scalable Capital und True Wealth oder Viac, der digitale Anbieter der Säule 3a.

Auf der anderen Seite entstand die Blockchain-Bewegung. Ihr Ziel ist es, das Finanzsystem zu dezentralisieren. Viele Anwendungen sind jedoch noch nicht über das Entwicklerstadium hinausgekommen. Somit bleibt Bitcoin vorerst das einzige Produkt, das ausserhalb Community wirklich bekannt ist (vgl. unten). Die digitale Währung wurde hauptsächlich von Spekulanten getrieben und kann sich nur bedingt als alternative Anlageklasse empfehlen (vgl. Grafik 3).

Schweiz im Vorteil

Trotz allgemeinem Gegenwind herrscht zumindest in der Fintech-Schweiz Gelassenheit. Eine bislang unveröffentlichte Umfrage des Verbands Swiss Fintech Startups (SFS) hat ergeben, dass 83% der Mitglieder die Krise als grosse bis sehr grosse Chance für Fintech sehen. 69% von ihnen verzichteten auf staatliche Hilfen, nur 6% mussten Sparmassnahmen treffen. Dies überrascht, weil in anderen Ländern mit einem ausgeprägten Fintech-Fokus wie Grossbritannien oder Deutschland die Branche stärker vom Einbruch getroffen wird. Dort wird befürchtet, dass die von den Startups getriebene Innovation im Banking verloren gehen könnte. Selbst die hoch bewerteten Vorzeigeunternehmen wie Monzo, N26 oder Scalable Capital mussten Kurzarbeit ankündigen.

Den hiesigen Fintech-Startups wird nun zumVorteil, was ihnen zuvor von verschiedenen Seiten lange als Manko vorgeworfen wurde: der fehlende Drang zu Wachstum. «Aber Wachstum um jeden Preis hat aus meiner Sicht nichts mit Unternehmertum zu tun», sagt SFS-Geschäftsführerin Christina Kehl, die erfolgreich mehrere Startups gegründet hat. In der Schweiz wiesen viele Jungunternehmen ein solides Geschäftsmodell und eine stabile Finanzierung auf. «Die Investoren sind stark involviert und sitzen nicht im fernen Silicon Valley», sagt Kehl. Das wiederum hilft, dass die Geldgeber in schwierigeren Zeiten Geduld zeigen – und nicht an der ersten Haltestelle aussteigen.

Blockchain kämpft gegen das Sterben

Wer überlebt – und wer nicht? Diese Frage beschäftigt derzeit besonders die über 800 Jungunternehmen in der Schweiz, die sich mit Blockchain-Projekten beschäftigen. Glaubt man einer Umfrage der Swiss Blockchain Federation, sieht die Zukunft eher düster aus. 80% der 203 befragten Startups erwarten, bis Ende Jahr zahlungsunfähig zu werden. Über die Hälfte musste bereits Mitarbeiter entlassen. Unklar ist, ob die Befragung den Jungunternehmen auch dazu diente, etwas Druck aufzusetzen. Denn fast 70% der Blockchain-Startups, die einen Notkredit beantragt hatten, haben ihn nicht erhalten. Das lag gemäss den Startups daran, dass die Berechnungsgrundlage, die sich am Umsatz oder an der Lohnsumme bemisst, zu tief war. Von solchen Zahlen zeigt sich Marc P. Bernegger nicht beeindruckt:

«In der Regel schafft nur eines von
zehn Startups den Durchbruch. Die
Zahlen sind also nicht so dramatisch,
wie es suggeriert wird»

sagt Bernegger, der selbst Kryptound Fintech-Unternehmer ist. Für ihn gehören Existenzängste bei Gründern auch ausserhalb von Krisenzeiten zum Alltag. Die grosse Mehrheit der Blockchain-Gesellschaften ist im Crypto Valley zwischen Zug und Zürich angesiedelt. Bei vielen ist für Aussenstehende nicht wirklich klar, woran sie herumtüfteln und wo sie ihre Entwicklung tatsächlich anwenden wollen. Im Gegensatz zur Fintech-Szene bildet die Blockchain- und Kryptoszene eine eigene Community, die die Machtordnung in der traditionellen Finanzwelt aufbrechen und vor allem dezentralisieren will.

Rückendeckung erhalten die «Blockchainer» nun vom Kanton Zug, der sich seit Jahren als Kryptostandort starkmacht. Jüngst hat Zug einen Staatsfonds für Krypto-Start-ups gefordert, um die Fortführung des Crypto Valley sicherzustellen. Zur Diskussion steht ein Vehikel, das auch privaten Investoren offenstehen soll. Der Zuger Finanzdirektor Heinz Tännler sprach in der  SonntagsZeitung» von 100 Mio. Fr., wobei rund die Hälfte der Steuerzahler beisteuern würde. Weitere 20 bis 30 Mio. Fr. kämen aus der Kasse von Stadt und Kanton Zug. Gespräche laufen, noch ist aber kein Entscheid gefallen.

Gerade Blockchain-Unternehmen sind stark abhängig von der Spendierlaune der Risikokapitalgeber. «Das Problem der meisten Startups ist, dass ein konkreter Anwendungsfall in weiter Ferne liegt», sagt Kryptoexperte Bernegger. Entscheidend sei nun, die richtigen strategischen Partner im Boot zu haben. «Sonst wird es schwierig, zu überleben.»

Bitcoin bleibt in der Nische

Dass die Kryptowährung Bitcoin weiter neue Anhänger gewinnt, zeigte ein Austausch auf der Social-Media-Plattform Twitter vergangene Woche. Die Harry-Potter-Autorin JK Rowling hatte ihre Follower gebeten, ihr die Kryptowährung zu erklären. Der Ethereum-Gründer Vitalik Buterin betonte: «Es gibt keine zentrale Stelle, die das Netzwerk kontrolliert.» Und Tesla-Chef Elon Musk antwortete Rowling, dass «im Vergleich zur massiven Geldausweitung der Notenbanken Bitcoin relativ solide aussieht».

Tatsächlich hat die zuletzt hyperexpansive Geldpolitik der Kryptowährung wohl neuen Zulauf gebracht. Der Wert von Bitcoin hat den anfänglichen Verlust in der Panik um die Coronapandemie schnell aufgeholt. Der Preis notiert nun um die 9000 $, Anfang Jahr stand er noch knapp über 7000 $. Angesichts zeitweise heftig schwankender Aktienmärkte erscheint der volatile Bitcoinpreis auch nicht mehr so angsteinflössend (vgl. Grafik 3).

Der Hype hat aber definitiv nachgelassen. Nach Auswertungen des Risikokapitalfonds Andreessen Horowitz erreichten in der Bitcoinszene die Softwareentwicklung, Social-Media-Aktivitäten und Start-up-Gründungen im Jahr 2018 ihren Höhepunkt. Für mehr Elan bräuchte es wieder eine steile Rally wie in der Vergangenheit, doch die steht bisher aus.

Dabei ist diese Woche zum dritten Mal ein Halving abgelaufen, das viele Spekulanten auf den Plan lockte. Dabei wird für das Mining (Schürfen) von Bitcoin durch Rechenoperationen nur noch die halbe Belohnung an Einheiten der Kryptowährung vergeben. Das Angebot verknappt sich. Bleibt die Nachfrage gleich, sollte der Preis steigen. Der im Voraus bekannte Angebotsrückgang war aber wohl schon eingepreist. Der Preis hängt im Moment eher an der spekulativen Nachfrage.

Als Zahlungsmittel hat sich die Kryptowährung weiterhin nicht etablieren können. Die Zahl an Transaktionen pro Tag ist in den vergangenen drei Jahren tendenziell nicht gestiegen. Das ist auch kein Wunder: Transaktionen per Bitcoin bleiben ineffizient. Nach Berechnung der Webplattform Digiconomist kostet eine Bitcointransaktion dreihunderttausendmal mehr Strom als eine Transaktion per Kreditkarte. Der Gesamtstromverbrauch des Netzwerks entspricht nun dem von Israel.

Schnellere und effizientere Transaktionen versprechen Innovationen auf Basis von Bitcoin wie das Lightning Network. Dabei werden kleinere Überweisungen nicht direkt auf der Blockchain – also dem zentralen Buchungsregister – niedergeschrieben, sondern nur ein Saldo über viele Transaktionen. Weite Verbreitung hat Lightning bis bisher aber noch nicht gefunden. Da so gut wie keine Güter und Dienstleistungen in der Wirtschaft mit Preisen in Bitcoin notiert sind, sprechen auch die hohen Kursschwankungen gegen die Verwendung der digitalen Währung für Bezahlungen. Als Zahlungsmethode bleibt es daher ein Nischenangebot. Denn mit dem Halten von Bitcoin geht man ein grosses Wechselkursrisiko ein – ein Nachteil, dem die Stablecoins sich entgegenstellen wollen. Erst wenn sich das ändert oder der Kurs viel stabiler erscheint, könnte das anders werden. Vorerst ist das optimistischste Szenario, dass sich Bitcoin als Anlageklasse etabliert. Diese etwas enttäuschende Vision präsentierte der Basler Wirtschaftsprofessor Aleksander Berentsen vor zwei Jahren. «Bitcoin könnte über die Zeit eine ähnliche Rolle wie Gold einnehmen », schrieb er in einem Forschungsaufsatz. Davon ist man noch weit entfernt. Die Marktkapitalisierung von Bitcoin beträgt etwa 170 Mrd. $, der Wert allen geschürften Goldes entspricht mehr als dem Fünffachen. AT

Lesen Sie den Artikel in der 23. Mai 2020 Ausgabe von Finanz und Wirtschaft oder hier als PDF.

Weiterlesen