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18 September 2019

Markt Kommentar: ETH erholt sich & die FED pumpt Milliarden in den Markt

Patrick Heusser

Patrick Heusser

Senior Trader bei Crypto Broker AG

Über den Autor

Heute habe ich zwei Themen auf dem Radar: Die USD Overnight Repo Rate und ETH.

Beginnen wir mit ETH.

Ich muss zugeben, dass mich die starke Erholung von ETH gegenüber BTC sowie gegenüber USD überrascht hat. Der Markt verzeichnete ein konstantes Kaufinteresse in den letzten 2 bis 3 Wochen.

Um herauszufinden was gerade vor sich geht, habe ich verschiedene Gespräche mit anderen Brokern und Händlern auf der ganzen Welt geführt. Fazit: Es herrscht kein klarer Konsens. Jedoch kann man sagen, dass einige Grosskunden und Fonds mit Shortpositionen in ETH nun angefangen haben, Deckungskäufe vorzunehmen. Zusätzlich haben verschiedene Analysen darauf hingewiesen, dass Börsen einen Nettoabfluss an ETH vorweisen. Dies bedeutet, dass Kunden ETH «physisch» kaufen und an ihre eigene Wallets transferieren (was ein typisches Verhalten für sogenannte Hodlers ist). Wir haben ähnliche Rückmeldungen von OTC-Desks erhalten, welche uns einen Stimmungswandel von Verkaufen zum Kaufen von ETH bestätigen – mit wenig beidseitigem Interesse.

Meiner Meinung nach haben diese Gegebenheiten zu einer Erholung der ETH Preise gegenüber verschiedenen anderen Währungen geführt. Allerdings hat es mich auf dem falschen Fuss erwischt, worauf ich meine Shorts im Altcoin Future Index geschlossen habe.

Was geschieht im USD Overnight Repo Markt?

Zunächst einmal wissen die meisten Menschen, welche nicht im Finanzsektor tätig sind, nicht genau was das ist. Dies ist natürlich komplett verständlich, da man generell im Alltag mit diesem Markt nichts zu tun und es sich dabei auch nicht um ein bekanntes Instrument wie der Dow Jones oder S&P Index handelt, über die in den Medien täglich berichtet wird.

Doch für Finanzexperten, die eng mit der FED oder einem im Zinsbereich tätigen Trading Desk zusammenarbeiten, ist dies ein sehr wichtiges Instrument. Ich werde später auf den Grund dafür zurückkommen.

Der Hauptzweck dieses Overnight Repo-Marktes ist es, die im System vorhandene Restliquidität an die Banken und Finanzunternehmen zu leiten oder zu verteilen, welche diese auf sehr kurzfristiger Basis benötigen (Overnight Trades sind im Grunde genommen Ihre letzte Chance um Geld selbst zu leihen oder zu verleihen, sofern Sie Ihren Kontostand noch nicht ausgeglichen haben. Wenn Sie dies verpassen, könnten Sie am Ende auf Ihrem Konto Short sein, was gemäss der FED ein No-Go ist).

Die FED versucht den benötigten Geldbetrag abzuschätzen, welcher sich im System befinden muss, damit es reibungslos funktioniert. Im Falle eines unvorhergesehenen Ereignisses, wie z.B. dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, kann die FED mit einer sogenannten „Overnight Repo Operation“ ihre Notfallfazilität auslösen, um Geld in das System zu pumpen.

Um den Markt zu beruhigen, hat die FED diesmal 53 Milliarden US Dollar hineingepumpt. Das Risiko ist/war durch einen sehr hohen Overnight-Repo-Satz sichtbar. Am Dienstag erreichte dieser Satz 10%, wobei die normale Handelsbandbreite zwischen 2% und 2,25% lag.

Der Vizevorsitzende von Blackstone, Tony James, sieht dies beispielsweise einfach als ein technisches Problem an, welches von der FED behoben werden kann – was gleichzeitig auch der Grund ist, weshalb es solche Overnight-Repo-Operationen gibt. Weiter argumentiert er, dass es sich ja nur um einen Tagesgeldsatz handelt. Solange die FED den Satz auf das normale Niveau zurückführt, wird die Realwirtschaft einen solchen Zinsschock überhaupt nicht zu spüren bekommen.

Aber als Erinnerung für alle jüngeren Leuten da draussen, die während des Lehman Brothers-Sturzes nicht an einem Trading Desk sassen, kann ich euch versichern, dass dieser Overnight Repo Rate für den Finanzmarkt absolut entscheidend ist. Wenn das Geld zu fliessen aufhört, kommt das System zum Stillstand und ein brutaler Zusammenbruch des Finanzsystems wird die Folge sein.

Ich bin definitiv nicht in der Lage, Ihnen den Grund für dieses Ereignis zu nennen. Selbst die noch viel spezialisierteren Fachleute (z.B. Jim Bianco) sind sich nicht sicher, warum dies geschehen ist.

Es gibt allerdings einige Möglichkeiten, die meiner persönlichen Meinung nach eine Rolle hätten spielen können. Diese enthalten zudem ein paar weitere Implikationen zu den bekannten Argumenten, warum man Bitcoin gegenüber Fiat-Währungen halten soll.

Für mich sieht es so aus, als wären mehrere Probleme gleichzeitig aufgetreten:

Einerseits gibt es jene Tage, an denen die Körperschaftssteuer gezahlt wird, was in der Regel einen Geldabfluss aus dem System zur Folge hat, weil alle US-Unternehmen ihre Steuern zahlen werden – was wiederum den Banken Liquidität entzieht. Normalerweise ist dies kein Problem, da die FED diese Ereignisse berücksichtigt und sicherstellt, dass genügend Liquidität im System vorhanden ist.

Andererseits haben wir die US-Regierung, welche ihr Haushaltsdefizit kontinuierlich vergrössert. Um dieses Defizit zu finanzieren, muss die Regierung US-Staatsanleihen rausgeben (einfach ausgedrückt). Diese T-Bonds müssen dann von den Primärhändlern (grosse US-Banken, die direkt mit der FED verbunden sind) aufgekauft werden. Aber um das zu tun, benötigen diese Banken Geld. Da ein Liquiditätsengpass besteht, der sich in einem sprunghaften Overnight Repo Rate zu erkennen gibt, pumpt die Fed Geld hinein.

In den Anfangszeiten nannte man dies QE, aber sie taten es am längeren Ende der Kurve – also im 5 und 10 Jahres-Bereich und nicht bei der Overnight Rate.

Cabana, ein Analyst der Bank of America, weist darauf hin, dass die FED diese QE Massnahme nicht als QE bezeichnen wird, obwohl sie genau gleich funktioniert. Die Zentralbank wird ihre Bilanzsumme durch den Kauf von Treasury-Anleihen ausbauen. Die FED wird dies nicht zugeben, aber es sieht so aus ganz schön danach aus, als würde die Währungsbehörde die Finanzbehörde finanzieren.

Bam! Eine weitere Abwertung des Fiat-Geldes! Für mich fühlt es sich an, als gäbe es seit 2008 keinen Ausweg aus dieser Politik des leichten Geldes bzw. der stark gestiegenen Geldmenge. Die Zentralbanken haben keine Werkzeuge und keinen Spielraum mehr. Sie können nur noch versuchen, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Doch wie lange können sie dies noch tun? Und was wird passieren, wenn sie damit aufhören?

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